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"Blind in Trebbin" - PRESSEBERICHT / MAZ online
Blind in Trebbin: Wie Steffen Lehmann sich zwischen Verkehr und Barrieren orientieren muss.
Ohne Augenlicht, aber mit feinem Gehör, digitaler Hilfe und viel Erfahrung bewegt sich Steffen Lehmann durch den Verkehr. Der 49-Jährige trotzt Baustellen, fehlenden Ampelsignalen und unerwarteten Hindernissen.
Während die Händler den Markt aufbauen und die Autos über die Durchgangsstraße rollen, sucht Steffen Lehmann seinen Weg durch Trebbin. Auf Gehwegen und kaum befahrenen Stra ßen ist der 49-jährige Informatiker mit seinem Blindenstock unterwegs. Während der Stab sacht über den Boden klackert, erhält er wichtige Informationen über seine Umgebung. „Ich wurde mit einer leichten Sehbehinderung geboren, die sich dann über die Jahre bis zur Erblindung verschlimmerte“, sagt Lehmann.
Seit rund zwei Jahren wohnt der gebürtige Königs Wusterhausener in dem Städtchen in Teltow-Fläming und fährt mehrmals die Woche mit dem Regionalverkehr zu seiner Arbeitsstelle bei den Berliner Wasserbetrieben nach Berlin. Auch er war im vergangenen Herbst von der dreimonatigen Streckensperrung der Linien RE3 und RE4 und dem Ersatzverkehr mit Bussen betroffen. „Den Ersatzverkehr habe ich prinzipiell vermieden, weil ich das einfach nicht hinbekommen habe“, sagt er. Die Haltestelle in Ludwigsfelde hätte er vielleicht noch gefunden, aber den zweiten Umstieg in Teltow mit Sicherheit nicht. Wenn es ging, habe er im Homeoffice gearbeitet. Für wichtige Termine sei er dann lieber mit Bus und S-Bahn über Potsdam nach Berlin gefahren. Mit dem regulären Bahnverkehr fährt er nun auch wieder Zug.
Ohne Augenlicht ist er hierbei auf die Unterstützung von Technik angewiesen: Durch verschiedene Apps und Openear-Kopf hörer erfährt er, wo er sich befindet, und kann zugleich die Außengeräusche wahrnehmen. Im Gegensatz zu geläufigen Navigationsapps sagen ihm die Systeme regelmäßig die Himmelsrichtungen, Geschäfte und Hausnummern zur
Orientierung an.
Während er diese Informationen vernimmt, ertastet er mit dem Blindenstock die Grenzen des Gehwegs und die
anliegenden Hauswände. Besonders enge, besonders breite oder abgesenkte Fußwege seien schwieriger zu navigieren, sagt Lehmann. Auf der Hut sein muss er auch vor den Treppen an den Eingangstüren vieler Geschäfte und Wohnhäuser In wenig befahrenen Straßen wechselt er dann gerne auf die Straße. „Sobald ich ein Auto höre, gehe ich immer an die Seite und warte ab, bis es vorbei ist. Sicher ist sicher.“ Auch bei tief-fliegenden Flugzeugen sei es Zeit, stehenzubleiben, denn der Lärm übertöne mögliche Warngeräusche.
Obwohl sein Weg nur so von Hürden gepflastert scheint, geht der 49-Jährige souverän. Ein Toilettenhäuschen mitten auf dem Bürgersteig erkennt er am Echo und umgeht es ohne Berührung. Zu Unfällen kann es dennoch kommen: Ein herunterhängender Ast, eine ungesicherte Baustelle oder ein im Weg abgestellter E-Roller reichen aus. „Das ist alles schon passiert“, sagt er. Das Problem: Der Blindenstab reiche zwar ein gutes Stück voraus, könne aber unter Hindernis sen hindurchgleiten und ihn so nicht immer rechtzeitig warnen, sagt Lehmann. Einen Blindenhund möchte er sich jedoch nicht halten. „Ich habe es mal probiert, aber letztlich bin ich zu viel drin. Der Hund würde bei meinem Alltag zu kurz kommen“, sagt er.
Neue Baustellen stellen deshalb eine Gefahr dar. Lehmann kann trotz Absperrband in die Baukuhlen treten, stolpern und fallen. Doch selbst wenn die Stellen ausreichend gesichert sind, bleibt das Problem, sie zu umgehen: Als in Trebbin das Glasfaser verlegt wurde, wechselten die Baustellen andauernd. Der Gehweg sei blockiert gewesen, sagt Lehmann. Ihm sei nur übrig geblieben, auf die Straße zu wechseln oder über die nicht barrierefreie Ampel zu gehen. „Da geht dann viel nach Gehör, hoffen auf die Hilfe von Passanten oder eben über Apps.“ Nur eine Ampel in Trebbin verfüge über ein Geräuschsignal und das sei zu leise, sagt Lehmann. Er habe sie bei der Stadt angefragt, doch mit den ganzen
bürokratischen Abläufen dauere dies Jahre, sagt er. Bis sie installiert wird, muss er auf eine App vertrauen, die ihm ansagt, ob die Ampeln grün zeigen.
Steffen Lehmann, der blind ist, tastet sich durch Trebbin. Längst nicht jede Ampel funktioniert so, wie sie müsste, damit auch Blinde sicher über die Straße kommen. Für diesen Fall hat Steffen Lehmann verschiedene Apps auf dem Handy, die ihn dabei unterstützen. Dafür muss er seine Handykamera auf das Leuchtsignal richten. Ohne zu wissen, wo diese genau steht, sei dies gar nicht so einfach, sagt er. Während Lehmann die Ampel ertastet, sich ausrichtet und die App aktiviert, ist eine Grünphase schon wieder vorbei. Auf seinen Wegen durch die Stadt und auch durch Ludwigsfelde wird Lehmann mittlerweile erkannt. Auch wenn es gelegentlich dazu komme, dass ihn Fußgänger ungefragt etwa eine Bahntreppe hinunterführen wollen oder keine Hilfestellung leisten, würden doch viele ihre Unterstützung anbieten, sagt Lehmann. Bei einer Baustelle hätten die Bauarbeiter für ihn immer ihre Geräte abgeschaltet und ihn bei der Navigation unterstützt, sagt er. Den Weg ins Rathaus seiner Heimatstadt findet er tastend. Die Kommunikation funkti oniere hingegen oftmals nicht so gut. Sehende Men schen seien für ihn häufig zu ungenau bei ihren Beschrei bungen: So werde ihm etwa gesagt, die Straße sei frei, obwohl Autos anrollen, oder er werde mit dem Auto an einer anderen Abbiegung abgesetzt als abgesprochen. Das seien teils nur wenige Meter Unterschied, könne aber zur Orientierungslosig keit führen. „Ich muss in den Gedanken so frei sein, dass ich damit rechne, dass ich woanders abgesetzt werde, als erwartet“, sagt er. In solchen Fällen greife er auf seine Navigationssysteme zurück.
Sollte er sich verirren, kann er sich von Freunden, Familie oder Freiwilligen aus einer App mit Facetime leiten lassen. Die ausgiebige Handynutzung mache ihn von dem Gerät natürlich sehr abhängig. Auch in seinem Zu Hause ist fast alles mit Smart-Home gesteuert. Damit die Akkuleistung durchhalte, trage er deshalb immer eine Powerbank mit sich. „Wenn ich mich verlaufe, und mein Handy ist aus, was mache ich dann?“
Bericht über Steffen Lehmann, Angehöriger der LuKISS-SHG "Blinde & Sehbehinderte"
MAZ online vom 20.04.2026
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